Politische Forderungen zum CSD 2019

Pressemitteilung

Hier findet ihr die politischen Forderungen von diversity München e.V. zum CSD 2019!

Politische Forderungen zum CSD 2019

Die Pride Week steht nun auch in München wieder vor der Tür und mit ihr findet wieder ein spannendes und abwechslungsreiches Kultur- und Aufklärungsprogramm im diversity Jugendzentrum, diversity Café und vielen weiteren Münchener Szeneeinrichtungen statt. Eine Woche lang feiert die Community, angefangen mit dem Angertorstraßenfest, Liebe, Vielfalt und Gemeinschaft, bis die Pride Week am Samstag, den 13.07.2019, auf der Politparade des Christopher-Street-Days ihren Höhepunkt erreicht. Frei nach dem diesjährigen CSD-Motto:
Celebrate diversity! – fight for equality!

Doch wie der zweite Teil des von diversity München vorgeschlagene Mottos bereits verlauten lässt, geht es in der Pride Week nicht nur um Feiern und Freude. In der Pride Week zeigt sich die Community mit Vielfalt und Stolz der breiten Öffentlichkeit, tritt jedoch gleichzeitig auch für ihre Rechte auf Gleichstellung und -behandlung ein. So ist die Woche durchzogen von Informationsveranstaltungen, Ausstellungen und öffentlichen Kundgebungen. Jedes Mitglied der Community hat die Möglichkeit, während der Pride Week besonders (Regenbogen-)flagge zu zeigen und für jene Dinge zu kämpfen, die ihr*ihm wichtig sind.

Genau diese Idee, den vielen Mitgliedern der Community eine Stimme zu verleihen, hat diversity München in diesem Jahr aufgegriffen. In einem partizipativen Prozess haben wir über mehrere Monate hinweg nicht nur die Wünsche der vielen Ehrenamtlichen und Mitarbeiter*innen, sondern auch all jene der Besucher*innen unserer Einrichtung zusammengetragen, um ihnen während der Pride Week und besonders auf der Politparade des CSDs Gehör zu verschaffen, denn zusammen sind wir stärker!

Zwar bieten der CSD und die Pride Week jedes Jahr eine Bühne für die Vielfalt unserer Community, trotzdem fordern wir als diversity München mit über 1000 Mitgliedern unter 27 Jahren, dass auch unsere queeren Lebensrealitäten als LGBTIQ* in Alltag und Bildung ihren gebührenden Platz erhalten. Lehrpläne, Unterrichtsmaterialien und die Ausbildung der Lehrkräfte müssen in Zukunft die Lebensweisen der Jugendlichen, jungen Erwachsenen und zukünftigen Generationen unserer Community beachten und widerspiegeln, um keine Atmosphäre an den Schulen zu schaffen, in welcher Mobbing, Diskriminierung und Gewalt zum Alltag gehören. Geschlechtsidentitäten wie nicht-binär und agender gehören heute genau wie all die Familienkonzepte, welche die atomare Familie übersteigen, zu unserer Realität, und somit sollten auch diese Realitäten in Schulbüchern und im Unterricht Niederschlag finden.

Wir leben in einer Welt, in der viele Menschen eine Geschlechtsidentität besitzen, welche über die traditionelle Zwei-Geschlechter-Idee hinausgeht. Mit der Einführung der dritten Geschlechtsoption für inter*-Personen hat die Regierung einen ersten Schritt getan, um diesem realen Umstand Folge zu tragen. Doch auch viele nicht-binäre und trans*-Personen sehen sich genauso keinem Geschlecht zugehörig, sind allerdings von staatlicher Seite gezwungen, sich auf ein Geschlecht festzulegen. Daher fordern wir vom deutschen Staat die Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt durch die Möglichkeit, den Geschlechtseintrag in den Ausweisdokumenten ohne einen Nachweis des biologischen Geschlechts zu ermöglichen, um die bereits gelebte Realität unserer Community auf ein juristisches Fundament zu stellen. Wir sind der Meinung: Sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht!

Einher geht damit auch die Forderung nach inklusiver Sprache, um die Kluft zwischen Frau, Mann und den vielen weiteren Geschlechtern in unserer Gesellschaft zu schließen. Um weiterhin der geschlechtlichen Vielfalt unserer Community den Freiraum zu verschaffen, der ihr zusteht, fordern wir eine Reformierung des „Transsexuellengesetzes" hin zu einem Selbstbestimmungsgesetz, um die Entfaltung und die Freiheit, welche uns als Menschen durch das Grundgesetz zugesprochen wird, zu ermöglichen. Im Zuge dessen müssen auch die Befragungen der Ehepartner*innen von trans*-Personen gestoppt werden, denn dieser Prozess entmündigt einen Teil unserer Community und entreißt ihm die Möglichkeit, für die eigene Person einzutreten und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Kein*e Therapeut*in, Ärzt*in oder Partner*in darf über die Lebensrealität anderer Menschen in einem solchen Maße bestimmen! Weiterhin fordern wir in der gleichen Gesetzesänderung die Abschaffung der Dreijahresfrist bei Ablehnung des Gutachtens, um die Möglichkeit zur Selbstbestimmung von trans*-Personen zu gewährleisten und einen respektvollen Umgang mit diesem Teil der Community zu ermöglichen.

Auch in anderen medizinischen Bereichen bildet sich noch ein hoher Grad an Diskriminierung ab. So ist es, aus der Angst vor HIV heraus, Männern, die mit Männern Sex haben (MSM), bis heute nur unter strengen Auflagen möglich, Blut zu spenden. Wir fordern die Aufhebung dieser Auflagen, um der Diskriminierung von sexuellen Minderheiten entgegenzuwirken – HIV ist kein Problem von MSM, sondern der gesamten Gesellschaft! Statt diesen Teil der LGBTIQ*-Community über einen Kamm zu scheren, fordern wir eine bessere Aufklärung von Mediziner*innen zu unseren Community-spezifischen Themen und Problemen. Weiterhin ist es uns wichtig, Tampons, Binden und ähnliche Hygieneartikel von der Umsatzsteuer zu befreien, denn der deutsche Staat darf sich, um einer Geschlechterungleichheit entgegenzuwirken, nicht an Produkten bereichern, welche nur für einen Teil der Geschlechter notwendig sind. Wir fordern darüber hinaus, dass menschenverachtende Praktiken wie „geschlechtszuweisende" Operationen bei inter*-Personen oder „Konversionstherapien" verboten werden, um körperliche und psychische Schäden bei den Betroffenen zu vermeiden und einen Raum für Selbstbestimmung und Vielfalt in unserer Gesellschaft zu schaffen.

Dieser Raum fehlt nicht nur im Zwischenmenschlichen, sondern auch oft in physischer Form. Viele junge LGBTIQ*-Personen verlieren nach ihrem Outing ihren Wohnraum oder verfallen in Armut. Um diesen Personen Hilfe und Beistand zu leisten, fordern wir Unterkünfte und betreute Wohnformen für LGBTIQ*-Personen, in denen sie geschützt leben und lieben können. Wie bereits in der Petition des Sub München gefordert, muss dieser Raum nicht nur für die deutschen Staatsbürger*innen, sondern insbesondere auch für die vulnerable Gruppe der LGBTIQ*-Personen unter Geflüchteten geschaffen werden, um Hass, Gewalt- und Morddrohungen entgegenzuwirken. Um Hass und Gewalt gegenüber unserer Community zu beenden, und für die Normalisierung unserer Realitäten zu sorgen, muss ein Landesaktionsplan gegen Queerfeindlichkeit erarbeitet werden!

Besonders Regenbogenfamilien sind oft solchen Angriffen ausgesetzt und müssen daher besser auf staatlicher Ebene geschützt werden. Um dies zu erreichen, muss die Akzeptanz vielfältiger Familienbilder zuallererst durch die Entfernung von bürokratischen Hürden gestärkt werden. Die Geburtsurkunden sollen in Zukunft nicht mehr „Mutter" und „Vater" des Kindes kennzeichnen, sondern die gleichgestellten „Elternteile". Damit fordern wir Anerkennung für die Elternschaft, unabhängig vom biologischen Geschlecht der Elternteile. Weiterhin muss auch die Gründung von Regenbogenfamilien durch den deutschen Staat ermöglicht, erleichtert und gefördert werden, denn unsere Welt ist keine Welt, die sich auf „Vater, Mutter, Kind" beschränkt.

Um diese Forderungen zu verwirklichen, müssen nicht nur staatliche Prozesse vorangetrieben werden, sondern auch ein neues Zusammenrücken unserer Gesellschaft vonstattengehen. Unsere Community besteht aus mehr als nur L, G, B, T, I und Q – unsere Community steht für Vielfalt! Und diese Vielfalt sollten wir auch wieder leben. Jede*r von uns ist nicht nur lesbisch, ist nicht nur Mann, ist nicht nur Jugendliche*r; jede*r von uns ist ein Gewebe aus vielen einzelnen Fäden. Nur, wenn wir als LGBTIQ*-Community wieder zusammenrücken, können wir all diese Fäden zu einem Patchwork verweben, in welchem jeder einzelnen Farbe zu neuem Glanz verholfen wird!

diversity München e.V.

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